Meine Mutter hat das in der Schublade meines Vaters gefunden… Ist es das, was ich immer befürchtet habe?

Als sie es schließlich aus der Schublade hob, merkte sie erst, wie seltsam es war.

Es war fast 30 Zentimeter hoch, fühlte sich glatt an, seine Oberfläche war mit filigranen, sich wiederholenden Mustern verziert, die weniger dekorativ als vielmehr bewusst eingesetzt wirkten. Oben befanden sich dünne, gelenkige Auswüchse – wie Antennen oder Gliedmaßen –, die mit beunruhigender Präzision angeordnet waren. Es ähnelte nichts Vertrautem. Kein Werkzeug. Kein Schmuckstück. Nichts, das man auf den ersten Blick verstehen konnte.

Niemand konnte erklären, wozu es diente.

Als sie es mir reichte, spürte ich es sofort.

Eine Last – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. In dem Moment, als meine Finger sich darum schlossen, veränderte sich etwas. Erinnerungen tauchten auf, die sich gar nicht wie Erinnerungen anfühlten – Fragmente, Empfindungen, Eindrücke, die nicht zu mir gehörten und sich doch beunruhigend nah anfühlten. Meine Brust schnürte sich zusammen. Mein Kopf dröhnte, als wäre etwas in mir aufgeweckt worden.

Ich konnte nicht unterscheiden, ob ich mich an etwas Reales erinnerte oder mir das einbildete, was ich immer befürchtet hatte.

Ich sah meine Mutter an, und sie erwiderte meinen Blick wortlos. Wir beide wussten, dass dieser Gegenstand, was auch immer er war, nicht einfach nur etwas war, das meinem Vater gehörte. Er trug ihn mit sich herum – etwas, das ihn prägte, ihn auslaugte, ihn vielleicht sogar definierte.

Die Schublade wurde wieder geschlossen.
Die Kiste war verschlossen.

Doch die Angst kehrte nicht dorthin zurück, woher sie gekommen war.

Denn wenn etwas Verborgenes einmal gesehen wurde, kann es nie wieder wirklich ungesehen gemacht werden.