Die Illusion der Ewigkeit

Die darauffolgende Scheidung verlief weder schnell noch einfach. Ich weinte tagelang. Ich zweifelte an allem, was ich zu wissen glaubte. Ich ging wöchentlich zu einer Psychologin, wo ich 25 Jahre gemeinsamer Gewohnheiten, stillschweigender Kompromisse und verdrängten Schweigens aufdeckte.

Und während all dem trug ich diesen winzigen, lächerlichen Zettel in meinem Portemonnaie, wie einen geheimen, persönlichen Talisman. Immer wenn der Schmerz unerträglich wurde, dachte ich: Du saßest da, verlassen und gebrochen, und irgendwo in diesem dunklen Moment hat dich jemand bemerkt. Jemand fand dich das Risiko wert.

Es ging gar nicht um Romantik – es war einfach der harte Beweis. Der Beweis, dass ich nicht im Nichts verschwunden war. Dass ich noch existierte.

Monate später, an einem einsamen Dienstagabend, nahm ich all meinen Mut zusammen und rief die Nummer an. Der Mann am anderen Ende der Leitung erkannte mich zunächst kaum wieder. Wir lachten beide darüber. Er lud mich auf einen Kaffee in ein kleines Café in der Innenstadt ein.

Wir trafen uns. Es war nett, überaus höflich. Es funkte nicht; es war kein fulminanter, leidenschaftlicher Beginn einer neuen Liebesgeschichte. Doch als wir uns auf dem Bürgersteig verabschiedeten, wurde mir klar, dass sich innerlich etwas Grundlegendes verändert hatte. Der Damm war endgültig gebrochen.

Ich ging wieder öfter aus. Ich meldete mich bei einer Dating-Plattform an. Ich hatte peinliche, furchtbar langweilige und überraschend schöne Dates. Langsam, aber sicher lernte ich, mich nicht mehr als „die Ehefrau von“ vorzustellen, sondern einfach als ich selbst. Es war beängstigend, aber gleichzeitig befreiend und aufregend.